| Billiger Atomstrom? |
| Donnerstag, den 14. April 2011 um 09:00 Uhr | |
Nach der Atomkatastrophe in Fukushima, Japan wird auch in Deutschland heiß über die Sicherheit von Energie aus Atomkraft diskutiert. Dabei wird immer wieder auf die günstigen Atomstrompreise hingewiesen. Die Frage, ob im Strompreis für Energie aus Atomkraftwerken überhaupt alle realen Kosten enthalten sind bleibt allerdings meist offen.
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Aktuell kostet 1 kWh Atomstrom ca. 21 Cent. Demgegenüber schlägt 1 kWh aus Erneuerbaren Energien mit ca. 23-24 Cent zu Buche, was einen fast 10%igen Preisunterschied ausmacht. Ein durchschnittlicher deutscher Haushalt mit vier Personen verbraucht pro Jahr ca. 4.000 kWh. Das ergibt zwischen 80 - 120 Euro Mehrkosten pro Jahr, die viele Haushalte aber durch den Wechsel des Stromanbieters wieder einsparen. Der Verbraucher gutiert also den Trend zu sicherer Energie aus Erneuerbaren Energien und nimmt den höheren Preis in kauf.
Sichere Energie ist ein absolutes Trendthema geworden. Und doch stehen interessante Fragen nach der Zusammensetzung des Strompreises im Vergleich »Atom- versus Öko-Strom« offen:
- Sind Atomkraftwerke versichert?
- Wer zahlt für den Abbau und Entsorgung von Atomkraftwerken?
- Wie viel Geld hat der Staat bereits in die Forschung von Atomkraft investiert und was kostet der laufende Betrieb von möglichen Endlagern sowie der Transport (Castortransport)?
Die Atomkraftwerk-Versicherung
Auch wenn es nur wenige wissen, aber deutsche Atomkraftwerke sind tatsächlich versichert. Alle Kernkraftwerk-Betreiber sind bei der DKVG (Deutsche-Kernreaktor-Versicherungsgemeinschaft ) versichert. Im Falle eines Super-GAU (Größter anzunehmender Unfall) in einem deutschen Atomkraftwerk, schätzt das Wirtschaftsministerium die Schäden auf 2.500 bis 5.500 Milliarden Euro ein.
Versicherungstechnisch sind die Gesamtschäden aber nur für 2,5 Milliarden Euro versichert, das einer Deckungssumme von ca. 0,1% der Gesamtschäden entspricht.
Um einen möglichst einfachen und beispielhaften Vergleich aufzuzeigen:
Bei der Zulassung eines Pkw ist eine Kfz-Haftpflichtversicherung Vorschrift. Und viele Autoversicherungen bieten über die vom Gesetzgeber festgelegten Mindestdeckungssummen für die Kraftfahrzeughaftpflichtversicherung einen verbesserten Versicherungsschutz in Höhe von 100 Millionen Euro an. Diejenigen, die also einen automobilen Super-GAU verursachen würden, wären mit bis zu 100 Millionen Euro versichert. Das deckt nach Meinung von Experten 99% aller Schadensersatzansprüche ab. Dafür muss der Fahrzeughalter die volle Versicherungsprämie zahlen. Würde man Kfz-Haftpflichtversicherungen nach dem Prinzip der Atomlobby anbieten, hätten Unfallverursacher gerade einmal eine Deckungssumme in Höhe von 100.000 Euro – und dafür müssten Sie eine entsprechend niedrige Versicherungsgebühr zahlen. Aber mit 100.000 Euro kann man echte Unfälle nicht adäquat ausgleichen. Es bliebe also ein gewisses "Restrisiko".
Dieses Restrisiko müssen leider auch die Einwohner des betroffenen Gebietes eines atomaren Super-GAU in kauf nehmen. Denn sie würden nur eine minimale Entschädigung für ihre verlorene Existenz erhalten.
Die Grafik zeigt Beispielhaft am Kernkraftwerk Biblis welche Städte bei einem Super-GAU unbewohnbar würden. Alleine im Umkreis von 25 km wären ca. 2,8 Millionen Menschen von dem Super-GAU betroffen. Somit stünde für jeden Betroffenen eine Summe in Höhe von ca. 893 Euro aus der DKVG-Versicherung bereit, um Ansprüche abzudecken. Von Vermögensschäden an Industrieanlagen, wie z. B. die BASF in Ludwigshafen oder dem Weltkulturerbe Kloster Lorsch ganz zu schweigen. Alle liegen in der 25 km Zone um Biblis und fallen wohl auch dem "Restrisiko" anheim.
Abbau/Entsorgung von Atomkraftwerken
Nachdem man die Atomkraftwerke abgeschaltet und vom Netz genommen hat kommt die nächste Frage auf: Wer zahlt für den Abbau und die Entsorgung der Atomkraftwerke? Alle Energieversorgungsunternehmen bilden Rückstellungen, die sich entsprechend kumuliert im Strompreis wiederfinden. Ob diese Rückstellungen beim realen Rückbau allerdings ausreichen ist noch nicht abzusehen. So werden die Rückbaukosten für das Kernkraftwerk in Greifswald mit 3,2 Milliarden Euro veranschlagt, das Kernkraftwerk Mülheim-Kärlich jedoch nur mit 750 Millionen Euro. Ergo, sollten die Rückstellungen nicht ausreichen, werden die Energieversorger mit großer Wahrscheinlichkeit die Strompreise entsprechend erhöhen, um die Kosten nachträglich vom Verbraucher zu erhalten.
Die sichere Endlagerung
Sollten also weitere Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz genommen werden und sich im Stadium des Rückbaus befinden, steht man vor dem nächsten, real Existenten und bis heute ungelösten Problem: die Endlagerung von radioaktiv kontaminiertem Müll.
Seit 1979 wird in Gorleben geforscht, ob dort ein mögliches Endlager entstehen könnte. In den laufenden Betrieb von Gorleben werden pro Jahr ca. 22 Millionen Euro investiert. Diese werden von der Brennelementlager Gorleben GmbH getragen. Als Tochtergesellschaft ist sie mehrheitlich im Besitz der großen Energiekonzerne E.ON, RWE und Vattenfall Europe.
Daneben wird auch noch das Erkundungsbergwerk Gorleben durch die DBE mbH betrieben. Diese Gesellschaft versucht seit 1979 zu erforschen, ob Gorleben als Endlager für Atommüll in Frage kommt und hat in diesem Zeitraum vom Bund ca. 1,5 Milliarden Euro aus Forschungsetats erhalten. Im März 2010 hat Umweltminister Röttgen verkündet, dass Gorleben weiter erkundet werden soll und will dafür weitere 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung stellen, die, so meint er, zu 99% von den Erzeugern des Atommülls getragen werden sollten.
Eine mutige Behauptung, geht man von der Tatsache aus, dass die Kosten für die Sicherheit des Transports von Atommüll den Staat jeweils bis zu 25 Millionen Euro betragen. Bei bisher 12 Castortransporten nach Gorleben sind somit nochmals bis zu 300 Millionen Euro vom Steuerzahler bezahlt worden. In dem „Castor" genannten Behälter (cask for storage and transport of radioactive material - also „Fass zur Lagerung und zum Transport radioaktiven Materials") wird hochradioaktiver Müll nach Gorleben verfrachtet.
Zu diesem Zeitpunkt wusste Norbert Röttgen noch nicht, dass der Bund für die Sanierung des maroden Salzstocks in Asse aufkommen muss. Der diente bis dahin als Endlager für schwach- und mittelradioaktiven Abfall. Allein die Rückholung schlägt mit geschätzten 3,7 Milliarden Euro in der Kasse des Steuerzahlers zu Buche. Dabei ist noch völlig ungeklärt, ob in den in der Asse versunkenen Fässern auch tatsächlich das enthalten ist, was man vermutet. Begonnen hat man mit der Sanierung noch nicht. Es gibt Experten-Schätzungen (siehe Beitrag n-tv.de vom 10.09.2010) die für die Sanierung bis zu 6 Milliarden Euro veranschlagen.
Als Fazit bleibt nur, dass die Endlagerung weiterhin ungeklärt ist und den Steuerzahler weitere Milliarden kosten wird. Würde man also alle entstehenden Kosten des Gesamtkreislaufs zur Erzeugung von Atomstrom, eine ausreichende Versicherung für einen Atomunfall sowie die Endlagerung in die Wirtschaftlichkeitsberechnung mit einfließen lassen, wäre der Preis für Atomstrom sicher nicht der »billige Strom« für den er immer gepriesen wird. Und selbst wenn er ein paar Cent billiger wäre, Atomstrom ist und bleibt der Strom mit dem tödlichsten »Restrisiko«.


